Karl Rühmann
Autor zwischen Sprache, Wahrheit und Erinnerung


Karl Rühmann - Autor zwischen Sprache, Wahrheit und Erinnerung

Einführende Worte der Galerie Ost über KARL RÜHMANN zwischen Sprachen, Erinnerungen und Wahrheiten


Karl Rühmann ist ein Schriftsteller, dessen Leben und literarisches Werk auf besondere Weise miteinander verbunden sind. Sprache ist für ihn nicht lediglich das Werkzeug des Schreibens. Sie ist Herkunft, Begegnung, Grenze und Verbindung zugleich. Seine Geschichten bewegen sich dort, wo vermeintliche Gewissheiten ins Wanken geraten: zwischen Wahrheit und Erinnerung, Wirklichkeit und Erfindung, Schuld und Verantwortung, Identität und Zugehörigkeit.


1959 im damaligen Jugoslawien geboren, verbrachte Karl Rühmann einen Teil seiner Kindheit und Jugend dort und lebte später auch in den Vereinigten Staaten. Er studierte Germanistik, Hispanistik und Allgemeine Literaturwissenschaft in Zagreb und Münster. Unterschiedliche Länder, Sprachen und kulturelle Räume gehören damit bereits seit jungen Jahren zu seiner Biografie. Heute lebt und arbeitet er in Zürich.


Diese Mehrsprachigkeit ist weit mehr als eine biografische Randnotiz. Rühmann spricht fünf Sprachen und hat sich über Jahrzehnte professionell mit Sprache beschäftigt – als Sprachlehrer, Verlagslektor, Dolmetscher, Literaturübersetzer und schließlich als freier Schriftsteller. Heute übersetzt er unter anderem Kinderliteratur aus dem Spanischen ins Deutsche und schreibt selbst Romane, Kurzgeschichten, Hörspiele und Bücher für Kinder.


Gerade deshalb erscheint es folgerichtig, dass Sprache auch innerhalb seiner Literatur niemals bloß Transportmittel einer Handlung ist. Sie kann verbinden und trennen, Wahrheit sichtbar machen und zugleich verschleiern. Sie kann Erinnerung bewahren, Identität schaffen, Macht ausüben – und manchmal sogar eine neue Wirklichkeit entstehen lassen.


Karl Rühmann selbst beschreibt die wiederkehrenden Themen seiner Geschichten als Fragen nach Wahrheit und Gerechtigkeit, Erinnerung und Erfindung sowie nach der feinen Grenze zwischen Wirklichkeit und Möglichkeit. Damit benennt er einen Kern seines literarischen Schaffens ausgesprochen präzise.


EIN LEBEN MIT UND FÜR DIE LITERATUR

Bevor Karl Rühmann als Romanautor einem größeren erwachsenen Publikum bekannt wurde, hatte er bereits lange innerhalb der Welt der Bücher gearbeitet. Er war Sprachlehrer und Verlagslektor und kennt damit nicht nur die Perspektive des Schreibenden, sondern auch die Mechanismen, Entscheidungen und Erwartungen des Literaturbetriebes.


Seit Beginn der 2000er-Jahre veröffentlichte er Kinderbücher; hinzu kamen Hörspiele und weitere literarische Arbeiten. Zu seinen bekannten Kinderbüchern gehören unter anderem „Komm mit zum Fluss!“, „Eine wundersame Reise“ und „Der alte Wolf“. Seine Bücher für junge Leser zeigen dabei bereits etwas, das später auch seine Erwachsenenromane prägt: Rühmann unterschätzt sein Publikum nicht. Hinter scheinbar einfachen Geschichten stehen häufig größere Fragen nach Abschied, Veränderung, Freiheit, Menschlichkeit und unserem Verhältnis zur Welt.


Auch für das Radio schrieb Rühmann Hörspiele. Gleichzeitig arbeitete er als Literaturübersetzer und vermittelte sein Wissen über das Erzählen und Schreiben weiter. Damit bewegt er sich seit vielen Jahren auf nahezu allen Seiten des literarischen Prozesses: als Leser, Übersetzer, Lektor, Lehrer und Autor.


Diese Erfahrung ist seinen Romanen anzumerken. Seine Literatur interessiert sich nicht allein dafür, was geschieht, sondern immer auch dafür, wie eine Geschichte erzählt wird, wer sie erzählt und weshalb wir einem Erzähler glauben.


DER SCHRITT ZUM ROMAN

2018 erschien mit „Glasmurmeln, ziegelrot“ Karl Rühmanns erster Roman für Erwachsene. Bereits das Manuskript war 2015 mit einem Werkjahr der Stadt Zürich ausgezeichnet worden. Der Roman markierte den Beginn einer Reihe von Werken, in denen Rühmann zunehmend jene großen Fragen literarisch untersucht, die sein Schreiben bis heute bestimmen.

Es folgte 2020 „Der Held“ – ein Roman, der Karl Rühmann endgültig größere Aufmerksamkeit innerhalb der Schweizer Literaturlandschaft verschaffte und für den Schweizer Buchpreis 2020 nominiert wurde.


Im Mittelpunkt stehen zwei ehemalige Offiziere, die während eines Bürgerkriegs auf unterschiedlichen Seiten kämpften und später vor dem Internationalen Tribunal in Den Haag angeklagt werden. Einer wird freigesprochen und in seiner Heimat als Held empfangen, der andere bleibt als verurteilter Kriegsverbrecher in Haft.


Doch Rühmann verweigert die vermeintlich einfache Aufteilung in Gut und Böse.

Stattdessen stellt er eine wesentlich unbequemere Frage:

Was bedeutet Schuld, wenn zwei Menschen dieselben Ereignisse vollkommen unterschiedlich erinnern und beurteilen?

Und weiter:

Wer besitzt am Ende die Wahrheit?

Gerade diese Offenheit macht den Roman bemerkenswert. Rühmann urteilt nicht vorschnell über seine Figuren. Er lässt ihnen Raum für Zweifel, Rechtfertigung und Widerspruch und überlässt den Leserinnen und Lesern die schwierige Aufgabe, selbst Position zu beziehen. SRF würdigte insbesondere die differenzierte Zeichnung der beiden Militärs sowie die intensive Auseinandersetzung mit Schuld und Verantwortung.


Dass Rühmann selbst im ehemaligen Jugoslawien aufgewachsen ist, verleiht diesem literarischen Raum eine zusätzliche biografische Dimension. Dennoch handelt es sich bei „Der Held“ nicht um die Rekonstruktion eines bestimmten historischen Falls. Rühmann erklärte selbst, dass er die Balkankriege als literarischen Stoff nutzte, um allgemeiner nach Wahrheit unter extremen Bedingungen zu fragen. Seine Aufgabe als Schriftsteller sehe er dabei nicht darin, historische Fakten zu ersetzen, sondern glaubwürdige Figuren und ein erfahrbares menschliches Geschehen zu schaffen.


DIE WAHRHEIT – VIELLEICHT

2022 führte Karl Rühmann diese Auseinandersetzung mit Wahrheit und Wahrnehmung in seinem Roman „Die Wahrheit, vielleicht“ weiter.


Schon der Titel enthält das vielleicht wichtigste Wort des Buches: vielleicht.

Denn Wahrheit erscheint bei Rühmann selten als etwas, das man einfach finden und anschließend besitzen kann. Sein Protagonist Felipe ten Holt ist Verhörspezialist eines europäischen Geheimdienstes. Er wurde darauf trainiert, Widersprüche zu erkennen, Aussagen zu prüfen und hinter scheinbaren Gewissheiten nach einer anderen Wirklichkeit zu suchen.

Doch irgendwann richten sich diese Fragen gegen sein eigenes Leben.


Sprache wird dabei erneut zu einem zentralen Motiv. Sie ist Kommunikationsmittel, aber ebenso Instrument der Abgrenzung und der Macht. Was zunächst eindeutig erscheint, verliert bei genauerer Betrachtung seine Sicherheit. Der Deutschlandfunk beschrieb den Roman entsprechend als eine Geschichte über die Suche nach Wahrheit sowohl im Leben anderer Menschen als auch im eigenen.


Damit beschäftigt Rühmann eine Frage, die weit über diesen einzelnen Roman hinausgeht:

Wie sicher können wir überhaupt sein, dass das, was wir für wahr halten, tatsächlich die Wahrheit ist?


MATIJA KATUN UND SEINE SÖHNE

Mit seinem vierten Roman „Matija Katun und seine Söhne“, erschienen 2025 bei rüffer & rub, schlägt Karl Rühmann einen neuen, humorvolleren Ton an – ohne seine grundlegenden Themen zu verlassen.

Diesmal führt die Geschichte nach Istrien.


Der erfolglose Schriftsteller und Gymnasiallehrer Ingmar Saidl begegnet dort einer nahezu verschwundenen Sprache, dem Istrorumänischen, und hört die alte Geschichte eines Bauern und seiner drei Söhne. Aus dieser Erzählung entwickelt er selbst einen Roman – präsentiert sich der Öffentlichkeit anschließend jedoch lediglich als dessen Übersetzer.


Ausgerechnet diese Täuschung bringt ihm jenen literarischen Erfolg, nach dem er so lange vergeblich gesucht hat.

Damit entsteht ein raffiniertes Spiel über Autorschaft, Original und Übersetzung, Anerkennung und Täuschung, Sprache und kulturelles Erbe. Zugleich hält Rühmann jener Branche, in der er selbst viele Jahre gearbeitet hat, augenzwinkernd einen Spiegel vor.


Gerade dieses Buch zeigt besonders schön, wie sehr Rühmann seine unterschiedlichen Lebenserfahrungen miteinander verbindet. Der Autor, der selbst zwischen mehreren Sprachen und Ländern gelebt hat, der Literatur übersetzt und als Lektor gearbeitet hat, schreibt hier über einen Mann, dessen Leben sich durch eine Sprache verändert – und über die entscheidende Frage, wem Geschichten eigentlich gehören.


Die Kritik reagierte ausgesprochen positiv. Auf der Autorenseite wird unter anderem die NZZ am Sonntag mit der Einschätzung wiedergegeben, Rühmann erzähle „mit Tempo und Liebe zur Linguistik“; auch Literaturkritiker Charles Linsmayer hob seine erzählerische Qualität hervor.


EIN AUTOR, DER SEINEN LESERN VERTRAUT

Vielleicht liegt eine besondere Qualität von Karl Rühmanns Literatur darin, dass er seinem Publikum keine fertigen Antworten aufzwingt.


Er stellt Fragen.

Er schafft Situationen.

Er lässt unterschiedliche Wahrheiten aufeinandertreffen.

Und dann vertraut er darauf, dass seine Leserinnen und Leser selbst weiterdenken.

Seine Figuren sind selten nur richtig oder falsch, schuldig oder unschuldig, glaubwürdig oder unglaubwürdig. Sie bewegen sich in jenen Zwischenräumen, in denen das wirkliche Leben stattfindet.

Darin liegt zugleich eine große Humanität seines Schreibens: Der Mensch wird nicht auf eine einzige Handlung, eine einzige Entscheidung oder ein einziges Urteil reduziert.


Karl Rühmann interessiert sich dafür, warum Menschen handeln, wie sie handeln – und welche Geschichte sie sich anschließend selbst darüber erzählen.


SPRACHE ALS HEIMAT

Wer Karl Rühmanns Lebensweg betrachtet, begegnet immer wieder Grenzen: zwischen Ländern, Sprachen, Berufen, literarischen Formen und unterschiedlichen Vorstellungen von Wahrheit.


Doch gerade aus diesen Grenzen entsteht sein literarischer Raum.

Seine Biografie führte ihn aus dem ehemaligen Jugoslawien über unterschiedliche kulturelle und sprachliche Welten schließlich nach Zürich. Sein Studium verband Germanistik, Hispanistik und Literaturwissenschaft. Seine berufliche Laufbahn führte ihn vom Sprachunterricht über Verlag und Lektorat bis zur Übersetzung und zum eigenen Schreiben.

So scheint es beinahe folgerichtig, dass Sprache bei Karl Rühmann selbst zu einer Form von Heimat geworden ist.

Nicht als etwas Starres.

Sondern als etwas, das Menschen über Grenzen hinweg miteinander verbindet.

Eine Sprache kann verloren gehen. Sie kann übersetzt werden. Sie kann manipuliert werden. Sie kann Erinnerung bewahren oder neu erschaffen. Und manchmal kann ein einziger Satz unsere Vorstellung von einem Menschen vollständig verändern.

Genau dort beginnt Karl Rühmanns Literatur.


KARL RÜHMANN IN DER GALERIE OST

Mit Karl Rühmann begrüßen wir in der Galerie Ost einen Autor, dessen literarisches Schaffen weit über das reine Erzählen von Geschichten hinausgeht.


Seine Romane stellen Fragen nach Wahrheit, Verantwortung und Erinnerung. Seine Arbeit als Übersetzer verbindet Sprachen und Kulturen. Seine Kinderbücher öffnen jungen Leserinnen und Lesern Räume der Fantasie und des Nachdenkens. Und seine persönliche Biografie zeigt, wie prägend Sprache, Literatur und kulturelle Begegnung für ein ganzes Leben werden können.


Karl Rühmann schreibt über Menschen, die nach Wahrheit suchen – und dabei entdecken, dass Wahrheit selten nur eine einzige Stimme besitzt.


Vielleicht ist genau das die besondere Stärke seiner Literatur:

Sie liefert uns nicht die eine Antwort.

Sie verändert die Fragen, mit denen wir die Welt betrachten.

KARL RÜHMANN – KURZPORTRÄT

Geboren: 1959 in Ogulin, damals Jugoslawien
Lebt: Zürich, Schweiz


Tätigkeit: Schriftsteller · Literaturübersetzer · Lektor
Studium: Germanistik · Hispanistik · Allgemeine Literaturwissenschaft
Studienorte: Zagreb · Münster

Literarische Formen: Romane · Kurzgeschichten · Hörspiele · Kinderbücher
Übersetzung: unter anderem Kinderliteratur aus dem Spanischen
Zentrale Themen: Wahrheit · Gerechtigkeit · Erinnerung · Erfindung · Sprache · Identität · Verantwortung · Wirklichkeit und Möglichkeit


Ausgewählte Romane

2018 – „Glasmurmeln, ziegelrot“
2020 – „Der Held“
2022 – „Die Wahrheit, vielleicht“
2025 – „Matija Katun und seine Söhne“

Auszeichnungen und Förderungen

Das Manuskript zu „Glasmurmeln, ziegelrot“ wurde mit einem Werkjahr der Stadt Zürich ausgezeichnet. „Der Held“ war 2020 für den Schweizer Buchpreis nominiert. Auch spätere Projekte Rühmanns erhielten Werk- und Förderbeiträge. 

Film von und über KARL RÜHMANN

Glasmurmeln, ziegelrot - Roman