Steffen Maria Ost • 21. Oktober 2026

Wenn die Fantasie zum Zufluchtsort wird – eine Geschichte über Kindheit, Angst und die Grenzen zwischen Wahrheit und Täuschung.

Wie erlebt ein Kind eine Welt, deren Regeln es nicht versteht? Eine Welt, in der politische Macht, Misstrauen und unausgesprochene Bedrohungen den Alltag bestimmen?


Mit seinem Roman „Glasmurmeln, ziegelrot“ führt uns der Zürcher Schriftsteller Karl Rühmann in ein osteuropäisches Land während des Kalten Krieges.


Im Mittelpunkt steht ein Kind, das als Fremder in einer Umgebung aufwächst, die ihm immer wieder rätselhaft und bedrohlich erscheint.


Um mit seinen Ängsten und Unsicherheiten umzugehen, entwickelt es eine außergewöhnliche Fähigkeit: Es verwandelt seine Erlebnisse in Geschichten.


Die Fantasie wird zu seinem Zufluchtsort. Das Erzählen eröffnet ihm eine Welt unbegrenzter Möglichkeiten und gibt ihm das Gefühl, Einfluss auf Ereignisse und Gefühle nehmen zu können, denen es in der Wirklichkeit oftmals hilflos gegenübersteht.


Zwischen Wirklichkeit und erfundener Welt


Eine besondere literarische Qualität erhält der Roman durch den bewussten Wechsel der Erzählperspektive.


Solange sich der junge Protagonist sicher fühlt, berichtet er aus der Ich-Perspektive.


Sobald jedoch Gefahr oder Unsicherheit aufkommen, verändert sich die Erzählweise. Aus dem „Ich“ wird „das Kind“.


Dieser Wechsel macht die innere Gefühlswelt der Hauptfigur unmittelbar erfahrbar, ohne dass ihre Angst ausdrücklich erklärt werden muss.


So wird die Sprache selbst zum Ausdruck eines Schutzmechanismus: Wo die Wirklichkeit bedrohlich wird, beginnt die Fantasie.


Zwei Episoden über Macht, Angst und Täuschung


Bei der LANGEN NACHT DER LITERATUR am 13. November 2026 wird Karl Rühmann zwei ausgewählte Episoden aus seinem Roman lesen.


In der ersten Geschichte erscheint ein Polizist im Zuhause des Kindes und seiner Adoptivmutter. Er überbringt die Nachricht, dass der Vater verhaftet worden ist.


Ein einschneidender Augenblick, in dem die Bedrohung durch die politische Wirklichkeit unmittelbar in das persönliche Leben eindringt.


Die zweite Episode führt zu einer ebenso geheimnisvollen wie beunruhigenden Begegnung.


Ein alter Offizier, den das Kind als „den General“ bezeichnet, erzählt von der Bedeutung des Vortäuschens und der bewussten Täuschung.


Doch hinter seinen Worten verbirgt sich eine Absicht: Der Mann gehört zum Geheimdienst und plant, das Kind für dessen Zwecke zu gewinnen.


Beide Episoden führen zu einer zentralen Frage des Romans:


Was ist Wahrheit – und wie verändert sich unsere Wirklichkeit, wenn Menschen beginnen, sie bewusst zu verfälschen?


Wenn das Erzählen zur Überlebensstrategie wird


Karl Rühmann beschäftigt sich in seinem literarischen Schaffen immer wieder mit dem Verhältnis zwischen Wahrheit und Täuschung.


In „Glasmurmeln, ziegelrot“ verbindet er diese Fragen mit der besonderen Wahrnehmung eines Kindes, das lernen muss, sich in einer von Unsicherheit geprägten Welt zurechtzufinden.


Dabei wird das Geschichtenerzählen zu weit mehr als einer fantasievollen Beschäftigung.


Es wird zu einer Möglichkeit, Angst zu bewältigen, die eigene Identität zu schützen und einer scheinbar übermächtigen Wirklichkeit etwas entgegenzusetzen.


Karl Rühmann live in der Galerie Ost


Am Freitag, 13. November 2026, wird Karl Rühmann im Rahmen unserer LANGEN NACHT DER LITERATUR aus „Glasmurmeln, ziegelrot“ lesen.


Seine ausgewählten Episoden versprechen einen eindrucksvollen Einblick in einen Roman, der historische Bedrohung, psychologische Feinfühligkeit und eine besondere erzählerische Gestaltung miteinander verbindet.


Wir freuen uns auf eine Lesung, die zum Zuhören, Nachdenken und Hinterfragen einlädt – und auf einen Autor, der uns zeigt, welche Macht Geschichten über unsere Wahrnehmung der Wirklichkeit besitzen können.


Fünf literarische Stimmen. Fünf unterschiedliche Werke. Ein Abend zwischen Kunst und Literatur.


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LANGE NACHT DER LITERATUR


Freitag, 13. November 2026

Galerie Ost – Galerie für zeitgenössische Kunst

Schöpflin-Areal, Lörrach-Brombach, 2. Obergeschoss


Einlass: 19:00 Uhr

Letzter Einlass: 19:45 Uhr

Beginn: 20:00 Uhr


Moderation: Dr. Claudia Octavia Mancini


Eintritt frei – Reservierung aufgrund begrenzter Sitzplätze empfohlen.


www.galerie-ost.com


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