Rückblick 1996 – „Mann mit Hut“
Ein frühes Werk, ein Presseartikel und 30 Jahre künstlerische Entwicklung
Manchmal genügt ein Blick in das eigene Archiv, und plötzlich steht ein Stück der eigenen Geschichte wieder unmittelbar vor einem.
Rückblick 1996 – „Mann mit Hut“
Ein frühes Werk, ein Presseartikel und 30 Jahre künstlerische Entwicklung
Manchmal genügt ein Blick in das eigene Archiv, und plötzlich steht ein Stück der eigenen Geschichte wieder unmittelbar vor einem.
Mein Gemälde „Mann mit Hut“ entstand 1996 – in einer Zeit, in der ich mich intensiv mit Pablo Picasso und mit der Auflösung klassischer Formen beschäftigte. Mich interessierte damals besonders die Frage, wie sich ein bekanntes Motiv aufnehmen, verändern und mit einer eigenen Bildsprache neu denken lässt.
Das Werk gehört heute zu meinen frühen Arbeiten. Das Original befindet sich bereits seit 2006 in Karlsruhe. Für diesen Rückblick habe ich die damalige Aufnahme des Gemäldes noch einmal aufgefrischt und das Werk zusätzlich in einem hellen Raum visualisiert. Nicht, um das Bild zu verändern, sondern um es nach drei Jahrzehnten noch einmal neu sichtbar zu machen.
Doch zu dieser Geschichte gehört mehr als nur das Gemälde.
Denn ebenfalls aus dem Jahr 1996 stammt ein ausführlicher Presseartikel über meine damalige Arbeit.
„Den Kunst-Olymp auf dem Korn“
Unter dieser Überschrift berichtete die SZ/BZ über meine Ausstellung in den Räumen der Anwaltskanzlei Eberspächer & Klein in Böblingen.
Eberspächer & Klein war damals eine große und erfolgreiche Kanzlei in Böblingen und bot meinen Arbeiten einen entsprechend repräsentativen Rahmen. Rückblickend war allein schon dieser Ausstellungsort für meine damalige künstlerische Entwicklung etwas Besonderes.
Noch bemerkenswerter erscheint mir heute jedoch, wie intensiv sich der Journalist Jochen Buchholz mit meiner Malerei auseinandersetzte.
Der Artikel war keine bloße Ausstellungsankündigung. Es ging nicht einfach darum, dass irgendwo einige Bilder von Steffen Ost hingen. Der Autor beschäftigte sich mit meiner Arbeitsweise, meiner Position als Autodidakt, meiner Formensprache und mit der Frage, wie in meinen Bildern Gegensätze miteinander verbunden werden.
Schon die Zeile über der großen Überschrift bringt ein wesentliches Thema meiner damaligen Malerei auf den Punkt:
Der Leonberger Steffen Ost zeigt in seinen Bildern, wie er Gegensätze vereinigt.
Wenn ich diesen Satz heute lese, entdecke ich darin etwas, das mich eigentlich bis heute begleitet.
Vom Vorurteil zur eigenständigen Malerei
Der Artikel beginnt durchaus provokant.
Der Autor greift zunächst das Vorurteil auf, autodidaktische Malerei könne schnell in einem unverbindlichen oder gefälligen „Expressionismus“ enden. Er verwendet dafür sogar den Begriff „Schrebergarten-Expressionismus“.
Doch genau dieses Vorurteil stellt er meinen Arbeiten gegenüber.
Er beschreibt eine Malerei, die sich seiner Einschätzung nach gerade nicht im Beliebigen verliert. Stattdessen spricht er davon, dass meine Arbeiten mit einer beinahe archaischen Subtilität an das innerste Wesen der Malerei rührten.
Das ist für mich heute eine bemerkenswerte Formulierung.
Denn der Artikel beschäftigt sich nicht nur mit Farben, Motiven oder einem persönlichen Gefallen. Er stellt die Frage, was hinter einem Bild geschieht. Was hält es zusammen? Was macht es eigenständig? Wann wird aus Farbe und Form tatsächlich Malerei?
Der Autodidakt
Auch mein Weg als Autodidakt wird ausdrücklich thematisiert.
Der Autor stellt fest, dass jemand, der nicht durch eine klassische Kunstakademie gegangen ist, möglicherweise weniger dem ständigen Austausch mit Professoren, Mitstudenten und institutioneller Kunstkritik ausgesetzt ist.
Doch gerade daraus entwickelt sich im Artikel eine interessante Wendung.
Denn die entscheidende Frage lautet letztlich nicht, wo jemand gelernt hat, sondern ob das Ergebnis auf der Leinwand Bestand hat.
Und genau dort setzt die Anerkennung ein.
Der Autor beschreibt meine Arbeiten als ein kraftvolles Bekenntnis und beschäftigt sich damit, wie Form, Malerei und Inhalt zu einem Ganzen zusammenfinden.
Rückblickend finde ich gerade diesen Gedanken besonders wichtig.
Meine künstlerische Legitimation sollte nie aus einem Titel entstehen.
Nicht aus einer Akademie.
Nicht aus der Zugehörigkeit zu einer bestimmten Schule.
Am Ende musste immer das Bild selbst überzeugen.
Das war 1996 so.
Und daran hat sich bis heute nichts geändert.
Die Verbindung zu Picasso
Für meinen heutigen Rückblick auf „Mann mit Hut“ ist eine Passage des Artikels besonders interessant.
Denn Jochen Buchholz geht ausdrücklich auf meine damalige Auseinandersetzung mit Picasso ein.
Er erwähnt unter anderem ein Werk mit dem Titel „Picasso verrückt“ und beschreibt damit eine Phase, in der ich mich durchaus bewusst mit einem Künstler beschäftigte, der längst zum großen Kanon der Kunstgeschichte gehörte.
Der Artikel macht dabei deutlich, wie riskant eine solche Auseinandersetzung sein kann.
Wer sich an Picasso orientiert, läuft schnell Gefahr, hinter dem großen Vorbild zu verschwinden.
Der Autor kommt jedoch zu einer bemerkenswerten Einschätzung: Steffen Ost dürfe sich diese Auseinandersetzung erlauben, ohne dass sie seiner eigenen Arbeit schade.
Warum?
Weil andere Werke bereits zeigten, dass meine Malerei ihre eigene Würde, ihre eigenen Impulse und ihre eigene Berechtigung besitzt.
Genau deshalb gehört auch mein „Mann mit Hut“ für mich heute in einen größeren Zusammenhang.
Es war kein einzelner Versuch, Picasso nachzumalen.
Es war Teil einer künstlerischen Phase, in der ich wissen wollte:
Wie weit kann man Formen auflösen?
Wann bleibt ein Gesicht noch ein Gesicht?
Wie viel kann man verändern, bis etwas Neues entsteht?
Was übernimmt man von einem Vorbild?
Und an welchem Punkt muss man sich davon wieder lösen?
Diese Fragen sind Teil einer Entwicklung.
Und Entwicklung bedeutet eben auch, sich mit anderen auseinanderzusetzen, bevor man immer deutlicher zu sich selbst findet.
„Gewalt in Nuancen“
Eine weitere Zwischenüberschrift des Artikels lautet:
„Gewalt in Nuancen“
Auch diese Formulierung beschreibt einen Gegensatz.
Es geht dabei nicht um Gewalt im wörtlichen Sinn, sondern um die Kraft, die ein Bild entwickeln kann.
Der Autor erkennt in meinen damaligen Arbeiten auf der einen Seite Energie, auf der anderen Seite Sensibilität.
Er beschreibt pastose Farbflächen, Linien, lasierte Binnenflächen, ornamentale beziehungsweise serielle Elemente und symbolische Zeichen.
Das Interessante daran ist: Diese Elemente werden nicht als störende Widersprüche betrachtet.
Sie dürfen nebeneinander bestehen.
Mehr noch – sie erzeugen gerade durch ihre Unterschiedlichkeit Spannung.
Und genau diese Spannung wird Teil der Bildwirkung.
Gegensätze müssen nicht verschwinden
Dieser Gedanke beschäftigt mich auch heute noch.
Harmonie bedeutet für mich nicht zwangsläufig, dass alles ruhig und ausgeglichen sein muss.
Ein Bild darf Widerstand haben.
Farbe darf gegen Linie arbeiten.
Ruhe gegen Bewegung.
Fläche gegen Raum.
Ordnung gegen Zufall.
Gegenständlichkeit gegen Abstraktion.
Vielleicht entsteht eine wirkliche Harmonie gerade dann, wenn diese Gegensätze nicht beseitigt werden, sondern miteinander bestehen können.
Der Artikel aus dem Jahr 1996 beschreibt genau dieses Prinzip bereits in meinen damaligen Arbeiten.
„Traumwandlerische Sicherheit“
Unter einer weiteren Zwischenüberschrift spricht der Autor sogar von „traumwandlerischer Sicherheit“.
Er beschreibt, wie unterschiedliche formale und inhaltliche Elemente innerhalb meiner Bilder miteinander verbunden werden.
Für mich ist das heute deshalb interessant, weil hier etwas geschieht, das bei alten Presseartikeln keineswegs selbstverständlich ist:
Der Journalist beschreibt nicht nur meine Person.
Er betrachtet tatsächlich die Bilder.
Er versucht zu verstehen, wie sie aufgebaut sind.
Er analysiert.
Und er formuliert eine eigenständige kunstkritische Position dazu.
Form und Inhalt
Besonders stark ist für mich die Passage, in der es um das Verhältnis von Form und Inhalt geht.
Der Artikel beschreibt, dass beide Bereiche innerhalb eines Bildes durchaus miteinander in Konflikt geraten können.
Form kann Inhalt überlagern.
Inhalt kann Form sprengen.
Ein Gemälde kann dadurch auseinanderfallen.
Doch genau diese Gefahr werde in meinen Arbeiten nicht versteckt, sondern aufgenommen.
Die Spannung selbst wird Teil des Bildes.
Und dann folgt ein Satz, der für mich heute beinahe wie das Schlusswort über meine damalige Ausstellung klingt:
„Mehr läßt sich von einem gemalten Bild nicht wünschen.“
1996 befand ich mich mitten in meiner künstlerischen Entwicklung.
Heute lese ich diesen Satz mit 30 Jahren Abstand.
Und genau deshalb bedeutet er mir heute vielleicht sogar mehr als damals.
„Hier lebt sie noch“
Noch eine andere Passage des Artikels bekommt im Rückblick eine ganz besondere Bedeutung.
Der Autor schreibt sinngemäß, es sei damals angeblich nicht die Zeit für Malerei.
Große Kunstinstitutionen hätten die Malerei teilweise aus ihren Programmen verdrängt oder zumindest an den Rand gestellt.
Und dann stellt er meine Arbeit dagegen.
Bei Steffen Ost, so seine Aussage, lebt die Malerei noch.
1996 war das eine Beobachtung über eine Ausstellung.
2026 kann man diesen Satz mit drei Jahrzehnten Abstand lesen.
Denn ich male noch immer.
Nicht, weil ich an einer vergangenen Kunstform festhalte.
Sondern weil Malerei für mich nie abgeschlossen war.
Sie verändert sich.
Sie verändert den Künstler.
Und sie erlaubt es, sich immer wieder neu auszudrücken.
Was von 1996 geblieben ist
Meine Malerei sieht heute anders aus als damals.
Sie ist freier geworden.
Unmittelbarer.
Persönlicher.
Meine heutige Bildsprache braucht keine sichtbare Anlehnung an Picasso oder einen anderen Künstler mehr.
Aber auch das entsteht nicht über Nacht.
Eine eigene Sprache entwickelt sich.
Man probiert.
Man beobachtet.
Man übernimmt.
Man verwirft.
Man löst sich.
Und irgendwann steht etwas da, das immer deutlicher nur noch einem selbst gehört.
Deshalb möchte ich die frühen Arbeiten heute auch nicht verstecken.
Im Gegenteil.
Sie gehören zu meiner Geschichte.
Drei Dokumente einer Zeit
Rückblickend gehören für mich heute drei Dinge unmittelbar zusammen:
mein Gemälde
„Mann mit Hut“,
die Ausstellung bei der großen und erfolgreichen Böblinger Kanzlei
Eberspächer & Klein,
und der ausführliche Presseartikel
„Den Kunst-Olymp auf dem Korn“.
Das Gemälde zeigt, was ich damals gemalt habe.
Der Ausstellungsort dokumentiert, in welchem Umfeld diese Arbeiten bereits öffentlich gezeigt wurden.
Und der Zeitungsausschnitt zeigt, wie meine Kunst damals von außen wahrgenommen und eingeordnet wurde.
Zusammen ergeben sie etwas, das sich 30 Jahre später nicht künstlich herstellen lässt:
eine dokumentierte Station meiner künstlerischen Entwicklung.
1996–2026
Das Original von „Mann mit Hut“ befindet sich seit 2006 in Karlsruhe in einer privaten Ausstellung.
Der Presseartikel von 1996 liegt heute in meinem Archiv.
Und ich male weiter.
Vielleicht ist genau das der Sinn eines solchen Rückblicks.
Nicht in der Vergangenheit stehen zu bleiben.
Sondern sich gelegentlich umzudrehen und zu erkennen, welche Strecke bereits hinter einem liegt.
1996–2026.
30 Jahre Entwicklung.
30 Jahre Malerei.
Und noch immer geht es weiter – auf zu den nächsten 30 Jahren.
Steffen Maria Ost













