LANGE NACHT DER LITERATUR 2026 | Ein Schriftsteller zwischen verschiedenen Kulturen, der Macht der Sprache und den überraschenden Wahrheiten unseres Lebens

Kann eine Geschichte wahr sein, obwohl sie erfunden wurde? Können zwei Menschen dasselbe Ereignis erleben und sich später vollkommen unterschiedlich daran erinnern? Und was geschieht, wenn wir plötzlich feststellen, dass eine vermeintliche Wahrheit vielleicht nur eine von vielen möglichen Sichtweisen ist?
Es sind Fragen, die uns im täglichen Leben begegnen, oftmals ohne dass wir uns ihrer Bedeutung bewusst werden.
Wir hören Nachrichten, führen Gespräche, erinnern uns an vergangene Ereignisse und bilden uns daraus unsere eigene Vorstellung von der Wirklichkeit.
Doch wie zuverlässig sind unsere Erinnerungen? Und wie sehr beeinflusst die Sprache, mit der wir etwas beschreiben, das Bild, das andere Menschen davon gewinnen?
Für Karl Rühmann sind solche Fragen ein wesentlicher Bestandteil seiner literarischen Arbeit.
Am Freitag, 13. November 2026, wird er als fünfter und letzter Autor bei der LANGEN NACHT DER LITERATUR in der Galerie Ost auf dem Schöpflin-Areal in Lörrach-Brombach zu Gast sein.
Ein Leben zwischen Ländern, Sprachen und Geschichten
Wer Karl Rühmann begegnet, trifft auf einen Schriftsteller, dessen Lebensweg bereits selbst von unterschiedlichen kulturellen Erfahrungen geprägt ist.
Geboren 1959 in Ogulin im damaligen Jugoslawien, verbrachte er einen Teil seiner Kindheit und Jugend dort und lebte später auch in den Vereinigten Staaten.
Sein Studium führte ihn nach Zagreb und Münster, wo er sich mit Germanistik, Hispanistik und Allgemeiner Literaturwissenschaft beschäftigte.
Heute lebt und arbeitet er in Zürich.
Fünf Sprachen gehören zu seinem persönlichen und beruflichen Leben.
Doch bei Karl Rühmann ist Mehrsprachigkeit nicht nur eine Fähigkeit, die das Reisen oder die Verständigung erleichtert.
Sie ist ein Zugang zu unterschiedlichen Denkweisen, kulturellen Vorstellungen und gesellschaftlichen Erfahrungen.
Denn Sprache ist weit mehr als eine Aneinanderreihung von Worten.
Sie vermittelt Gefühle, bewahrt Erinnerungen und prägt unser Verständnis von Menschen und Ereignissen.
Manchmal kann bereits die Übersetzung eines einzigen Satzes darüber entscheiden, ob wir eine Aussage als freundlich, verletzend, überzeugend oder bedrohlich empfinden.
Karl Rühmann hat sich über viele Jahre aus unterschiedlichen beruflichen Perspektiven mit Sprache beschäftigt.
Er arbeitete als Sprachlehrer, Verlagslektor und Literaturübersetzer, bevor er sich zunehmend dem eigenen literarischen Schreiben widmete.
Damit kennt er die Welt der Bücher nicht nur aus der Sicht eines Autors.
Er weiß auch, wie Texte entstehen, bearbeitet, übersetzt und schließlich veröffentlicht werden.
Was macht einen Menschen zum Helden?
Eine besonders interessante Frage stellt Karl Rühmann in seinem Roman „Der Held“, der im Jahr 2020 erschien und für den Schweizer Buchpreis nominiert wurde.
Im Mittelpunkt stehen zwei ehemalige Offiziere, die während eines Bürgerkriegs auf unterschiedlichen Seiten gekämpft haben.
Beide müssen sich später vor einem internationalen Tribunal verantworten.
Der eine wird freigesprochen und in seiner Heimat als Held gefeiert. Der andere wird als Kriegsverbrecher verurteilt.
Auf den ersten Blick scheint die Rollenverteilung eindeutig.
Doch Karl Rühmann interessiert sich gerade für das, was hinter solchen Urteilen liegt.
Wie erinnern sich Menschen an ihre eigenen Entscheidungen? Welche Verantwortung tragen sie für ihr Handeln? Und wie verändert sich die Bewertung eines Ereignisses, wenn wir es aus einer anderen Perspektive betrachten?
Seine Geschichte führt uns vor Augen, dass menschliches Verhalten nicht immer in einfache Kategorien eingeordnet werden kann.
Das bedeutet keineswegs, dass Schuld und Verantwortung bedeutungslos werden.
Vielmehr stellt sich die Frage, wie wir zu unseren Urteilen gelangen und ob wir bereit sind, auch unbequeme Zusammenhänge zu betrachten.
Für mich ist das ein interessanter Gedanke.
Denn auch in der Kunst gibt es unterschiedliche Wahrnehmungen.
Ein Gemälde kann bei einem Menschen Freude auslösen, bei einem anderen Nachdenklichkeit und bei einem dritten vielleicht Erinnerungen an eine längst vergangene Begegnung.
Das Kunstwerk bleibt dasselbe.
Was sich verändert, ist die persönliche Wahrnehmung.
Die Wahrheit – ein Wort mit vielen Gesichtern
Mit seinem Roman „Die Wahrheit, vielleicht“, erschienen 2022, führt Karl Rühmann seine Beschäftigung mit der menschlichen Wahrnehmung auf andere Weise fort.
Schon der Titel macht neugierig.
Die Wahrheit – vielleicht.
Ein kleines Wort verändert die gesamte Aussage.
Plötzlich steht nicht mehr fest, dass etwas eindeutig richtig ist.
Es entsteht Raum für Zweifel, Fragen und neue Überlegungen.
Die Hauptfigur des Romans, Felipe ten Holt, arbeitet als Verhörspezialist für einen europäischen Geheimdienst.
Er ist darin geschult, Aussagen zu überprüfen, Widersprüche aufzudecken und hinter den Worten anderer Menschen nach verborgenen Zusammenhängen zu suchen.
Doch irgendwann beginnt er, auch sein eigenes Leben und seine persönlichen Gewissheiten infrage zu stellen.
Damit entwickelt sich aus einer spannenden literarischen Ausgangssituation eine Frage, die jeden Menschen betreffen kann:
Wie gut kennen wir eigentlich uns selbst?
Wir alle haben Vorstellungen davon, wer wir sind, was wir erlebt haben und weshalb wir bestimmte Entscheidungen getroffen haben.
Doch manchmal genügt ein Gespräch, eine unerwartete Nachricht oder eine neue Erkenntnis, um unser bisheriges Bild zu verändern.
Karl Rühmann macht aus solchen Überlegungen Literatur.
Er verbindet Spannung mit Fragen, die über die eigentliche Handlung hinausreichen.
Wenn ein Schriftsteller plötzlich zum Übersetzer seiner eigenen Geschichte wird
Eine andere, durchaus humorvolle Seite seines Schaffens zeigt Karl Rühmann in seinem 2025 erschienenen Roman „Matija Katun und seine Söhne“.
Die Geschichte führt nach Istrien, in eine Landschaft, in der unterschiedliche kulturelle Einflüsse und Sprachen aufeinandertreffen.
Dort begegnet ein erfolgloser Schriftsteller und Gymnasiallehrer einer nahezu verschwundenen Sprache und hört eine alte Geschichte über einen Bauern und dessen drei Söhne.
Aus dieser Erzählung entwickelt er einen eigenen Roman.
Doch anstatt sich als Verfasser zu erkennen zu geben, behauptet er, das Werk lediglich übersetzt zu haben.
Ausgerechnet diese ungewöhnliche Entscheidung bringt ihm den literarischen Erfolg, den er sich schon lange gewünscht hat.
Was zunächst wie eine unterhaltsame Verwechslung erscheint, führt zu einer interessanten Frage:
Wem gehört eine Geschichte eigentlich?
Demjenigen, der sie ursprünglich erzählt hat?
Dem Menschen, der sie aufschreibt?
Oder vielleicht demjenigen, der sie in einer anderen Sprache einem neuen Publikum zugänglich macht?
Karl Rühmann verbindet hier seine Erfahrungen als Autor, Übersetzer und Kenner des Literaturbetriebs mit einer Geschichte, die zugleich unterhaltsam und nachdenklich macht.
Besonders gefällt mir daran, dass er die Welt der Literatur selbst zum Gegenstand seiner literarischen Arbeit macht.
Mit Humor betrachtet er menschliche Eitelkeiten, den Wunsch nach Anerkennung und die manchmal überraschenden Wege, auf denen Erfolg entsteht.
Wenn aus Worten Bilder werden
Als bildender Künstler beschäftigt mich seit vielen Jahren die Frage, wie Menschen ihre Eindrücke wahrnehmen und verarbeiten.
Ein Erlebnis kann in unserer Erinnerung ein ganz bestimmtes Bild hinterlassen.
Vielleicht erinnern wir uns an eine Farbe, eine Landschaft, eine Bewegung oder einen Menschen, dem wir begegnet sind.
Wenn ich male, versuche ich, solchen Eindrücken eine eigene künstlerische Form zu geben.
Dabei entsteht keine fotografische Wiederholung der Wirklichkeit.
Es entsteht meine persönliche Interpretation.
Karl Rühmann arbeitet mit einem anderen Ausdrucksmittel.
Er verwendet Sprache, um Situationen, Erinnerungen und menschliche Beziehungen sichtbar werden zu lassen.
Seine Leserinnen und Leser erschaffen daraus wiederum ihre eigenen inneren Bilder.
Gerade darin erkenne ich eine interessante Verbindung zwischen Literatur und bildender Kunst.
Beide können uns dazu bringen, vertraute Dinge neu zu betrachten.
Beide können Fragen aufwerfen, ohne sofort eine Antwort geben zu müssen.
Und beide eröffnen Möglichkeiten, über die Grenzen unserer eigenen Erfahrungen hinauszudenken.
Vielleicht ist das einer der schönsten Aspekte künstlerischer Arbeit:
Dass ein Werk nicht bei seinem Schöpfer endet, sondern im Erleben anderer Menschen weiterlebt.
Ein Schriftsteller, der auch für Kinder Geschichten erzählt
Karl Rühmann schreibt nicht ausschließlich Romane für Erwachsene.
Bereits seit Beginn der 2000er-Jahre veröffentlicht er Kinderbücher. Zu seinen Werken gehören unter anderem „Eine wundersame Reise“, „Der alte Wolf“ und „Komm mit zum Fluss!“.
Daneben entstanden Hörspiele und weitere literarische Arbeiten.
Diese Vielseitigkeit zeigt, dass seine Freude am Erzählen nicht auf eine bestimmte Altersgruppe oder literarische Form beschränkt ist.
Kinder betrachten die Welt häufig mit einer Offenheit, die Erwachsene im Laufe ihres Lebens manchmal verlieren.
Sie stellen Fragen, die zunächst einfach erscheinen und bei genauerem Nachdenken erstaunlich tiefgründig sein können.
Warum ist etwas gerecht?
Weshalb müssen wir Abschied nehmen?
Was bedeutet Freundschaft?
Und warum handeln Menschen manchmal anders, als wir es erwarten?
Solche Fragen gehören ebenso zur Literatur für Kinder wie zu anspruchsvollen Romanen für Erwachsene.
Die Fähigkeit, unterschiedliche Leserinnen und Leser anzusprechen, verlangt ein besonderes Gespür für Sprache und Erzählweise.
Karl Rühmann bewegt sich seit vielen Jahren zwischen diesen literarischen Welten.
Wenn Literatur zum persönlichen Gespräch wird
Die LANGE NACHT DER LITERATUR bietet uns die Gelegenheit, einem Schriftsteller nicht nur durch seine Bücher, sondern auch persönlich zu begegnen.
Das ist für mich ein wesentlicher Gedanke unserer Veranstaltung.
Denn hinter jedem literarischen Werk steht ein Mensch mit eigenen Erfahrungen, Überzeugungen, Erinnerungen und Vorstellungen.
Manchmal entdecken wir erst im Gespräch mit einem Autor, weshalb ihn ein bestimmtes Thema über viele Jahre beschäftigt hat.
Oder wir erfahren, wie aus einer zunächst unscheinbaren Beobachtung eine umfangreiche Geschichte entstanden ist.
Bei Karl Rühmann interessiert mich besonders, wie seine Erfahrungen zwischen verschiedenen Ländern und Sprachen seine literarische Arbeit beeinflussen.
Und natürlich auch, wie ein Schriftsteller, der sich so intensiv mit Wahrheit und Wirklichkeit beschäftigt, selbst über die Grenzen zwischen Erfindung und persönlicher Erfahrung denkt.
Ich freue mich darauf, dass unser Publikum Gelegenheit haben wird, solche Fragen unmittelbar an ihn zu richten.
Denn eine Lesung ist nicht nur die Begegnung mit einem Text.
Sie ist auch eine Begegnung mit dem Menschen, der ihn geschaffen hat.
Fünf Autoren. Fünf Persönlichkeiten. Ein besonderer Abend.
Mit Karl Rühmann endet die Reihe der fünf Autorenlesungen am 13. November 2026 in der Galerie Ost.
Nach Axel Stamm, Ulla Garden, Lutz Prauser und Sarah Jane wird er als fünfter Autor des Abends seine literarische Welt vorstellen.
Damit begegnen unsere Besucherinnen und Besucher an einem einzigen Abend fünf unterschiedlichen Persönlichkeiten, deren Werke und Lebenswege auf ganz eigene Weise von Kreativität, Beobachtungsgabe und Freude am Erzählen geprägt sind.
Im Anschluss an seine Lesung besteht Gelegenheit für Fragen und Gespräche. Moderiert wird die Veranstaltung von Dr. Claudia Octavia Mancini.
Als Künstler und Gründer der Galerie Ost freue ich mich besonders darüber, dass wir mit dieser Veranstaltung Literatur und bildende Kunst miteinander verbinden können.
Unsere Galerie soll nicht ausschließlich ein Ort sein, an dem Gemälde betrachtet werden.
Sie soll auch Raum für Begegnungen, Gedanken, Gespräche und neue kulturelle Erfahrungen bieten.
Mit Karl Rühmann begrüßen wir zum Abschluss des Abends einen Schriftsteller, der uns daran erinnert, dass unsere Vorstellung von der Welt nicht allein von dem geprägt wird, was wir erleben.
Sie wird ebenso von den Geschichten beeinflusst, die wir darüber erzählen.
Und vielleicht nehmen wir aus dieser Begegnung einen Gedanken mit nach Hause, der uns noch lange beschäftigen wird:
Nicht jede Geschichte gibt uns eine Antwort. Manche verändern vielmehr die Fragen, die wir an das Leben stellen.
Ich freue mich auf Karl Rühmann, seine Literatur und auf einen besonderen Abschluss unserer LANGEN NACHT DER LITERATUR in der Galerie Ost.
Steffen Maria Ost
Künstler und Gründer der Galerie Ost
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LANGE NACHT DER LITERATUR 2026
Freitag, 13. November 2026
Einlass ab 19:00 Uhr | Letzter Einlass 19:45 Uhr
Beginn 20:00 Uhr
Galerie Ost – Galerie für zeitgenössische Kunst
Schöpflin-Areal, Schopfheimer Straße 25
79541 Lörrach-Brombach, 2. Obergeschoss
Eintritt frei. Da die Anzahl der Sitzplätze begrenzt ist, ist eine rechtzeitige Reservierung erforderlich.
Reservierung und weitere Informationen:
www.galerie-ost.com
Eindrücke anderer Art.













